Un-Fall

Gestern bin ich von meinem Stuhl gefallen. Dieses Ereignis war für meine Ohren deutlich schlimmer als für meinen Po. Denn das, was ich kurz davor gemeint hatte gehört zu haben, weckte in mir eine Fassungslosigkeit sondergleichen. Da singt Stefanie Kloß von der Band ,Silbermond‘ die Zeilen „….denn es reist sich besser mit leichteN Gepäck…“. Ich habe natürlich das Radio lauter gedreht….WAAAAS????….und schon wieder habe ich es gehört. (Bitte hört selbst einmal hin und lasst mich euer Ergebnis wissen. Hier bitte anhören!

Da hab ich natürlich gleich meine Kopfhörer geholt – da war leider das Lied schon vorbei. Bei youtube finden sich mehrere Live-Versionen und ich will nicht die Hand dafür ins Feuer legen, dass sie durchaus auch leichteM und manchmal leichteN Gepäck singt. Und jeder kennt das Phänomen, dass man hört und auch sieht, was man glaubt zu sehen oder hören. Es gibt ebenso akustischer wie auch optische Täuschungen. Letzteres ist nur bekannter.

(Edit: Und während ich diese Zeilen schreibe, veröffentlicht Silbermond das Video auf youtube. Dort sieht man ganz deutlich ein M aber wenn ich die Augen zumache könnte ich schwören immer noch ein N zu hören. – und gleichzeitig postet der Radiosender “Radio Bob” auf Facebook folgendes Bild:Bildschirmfoto 2015-11-03 um 10.28.30

….dass das nicht korrekt ist, ist klar, oder?

Also was nun? Und vor allem was tun?

Ja, wer den Blog verfolgt, der weiß, dass mir die Sprache und das Sprechen am Herzen liegt. Was ich da gehört habe, traf in meine tiefe Kasus-Wunde – unabhängig davon, wie es bei Silbermond jetzt tatsächlich gesungen wird.

Früher war einmal dank Bastian Sick „Der Dativ dem Genitiv sein Tod“. Heute hat man sogar dem Dativ mehr und mehr abgeschworen. Dass ich darauf aufmerksam wurde, war noch zu Zeiten, als Verona noch Feldbusch hieß. Sie verwechselte oder missachtete Konsequent den Dativ und den Akkusativ. Natürlich gibt es auch zu ihrem sehr eigenen Stimmchen etwas zu sagen, aber darauf will ich gerade gar nicht hinaus. (Das zeigt einmal mehr, wie sehr mich der Missbrauch der Fälle beschäftigt.)
Ich kann nicht genau sagen woran das liegt – ein paar Vermutungen habe ich – gruselig ist es aber allemal was da passiert. Da geht was verloren, was doch so wichtig ist. Ein ganzer Fall! Zählt man den Genitiv auch dazu, dann sind wir dabei die Hälfte unserer Fälle einzubüßen! Himmel hilf!
Natürlich geht das Wissen über die Schulgrammatik irgendwo im Alltag und mit Distanz zum Deutschunterricht verloren. Die Problematik ist nur:
Ohne die korrekte Verwendung der Fälle wird unsere Sprache unverständlich. Ich möchte gerne noch einmal kurz zusammen fassen, dass die Wahl der Fälle keinesfalls freiwillig oder willkürlich erfolgen kann.

Und warum das mit den Fällen so notwendig ist, erklärt sich wenn wir einen Satz einfach mal nicht damit bearbeiten und dem ganzen Brimbamborium keine Aufmerksamkeit schenken:

Die Krankenschwester in das Krankenhaus helfen der Patient in der Schuh. (Ohne Deklination)

Die Krankenschwester in dem Krankenhaus hilft dem Patienten in den Schuh. (Mit Deklination)

Also, hier einmal eine Zuta‘sche kurze, einfache und nicht vollständige Zusammenfassung für den alltäglichen Gebrauch zum Anklicken – wer nicht interessiert ist, kann das natürlich überspringen….

 Der Fall der Fälle

Fazit: Unsere Sprache muss der Bedeutung entsprechend dekliniert werden. So nennt sich das. Sie müssen also in die richtige Form gebracht werden, damit die Beziehungen untereinander klar sind. Damit klar ist, wie die Anzahl (Numerus), der Fall (Kasus – in welcher Beziehung stehen sie zueinander) und Geschlecht (Genus) ist.

Zurück zum „leichten Gepäck“. Was ich da meine zu hören, also „leichtn Gepäck“ ist ein Phänomen des Sprechens, das sogar sehr leicht zu erklären ist. Man nennt es Ökonomisierung der Sprechweise und auch Assimilation, was soviel bedeutet wie:

So isses einfacher für die Zunge!

Wenn wir ein [t] sprechen, merken wir, dass die Zunge hinter den oberen Schneidezähnen liegt. Sprechen wir jetzt ein [m] dann können wir feststellen, dass die Zunge im Mund liegt und die Lippen geschlossen werden. Der Aufwand vom [t] zum [m] ist also recht groß.
Sprechen wir jetzt noch einmal ein [t] und im Anschluss direkt ein [n] so spüren wir, dass die Zunge an der gleiche Stelle, also hinter den oberen Schneidezähnen liegen bleiben könnte. Beim [n] passiert mit der Zunge und den Lippen gar nichts weiter, was uns Aufwand kostet. Das Velum, also das Gaumensegel wird gesenkt, so dass die Luft aus der Nase entweichen kann. Das [n] ist also dem [t] viel näher und einfacher zu artikulieren. Deswegen passiert so etwas schon einmal.
Man kann das gut probieren in dem man hintereinander /leichtn leichtn leichtn leichtn/ und danach /leichtm leichtm leichtm leichtm/ spricht. Letzteres ist mir persönlich sogar so unangenehm, dass ich lieber noch den Vokal einfügen würde /leichtem leichtem leichtem/. Das ist natürlich jedem selbst überlassen.

Es wäre mir aber lieb, wenn in der Öffentlichkeit einfach die Richtigkeit der deutschen Sprache mehr gepflegt würde – wenn sie eine Rolle spielte und nicht vernachlässigt werden würde.
Mein Spracherkennungskram auf meinem Handy gibt mir auch diese fiesen Autokorrektur-Vorschläge und ich korrigiere sie nicht immer. Ich bin zu faul und es nervt. Da schreibt man schnell mal, „Ich bring dir n Burger mit.“ was aber weeeeenigstens „Ich bring dir NEN Burger mit.“ heißen müsste. Es ist wie verhext

Also: In diesem Sinne, ich glaube wenn man wieder ein bisschen mehr auf seine sprachliche Intuition hört, sollte es doch von alleine laufen.

Alles Liebe, eure Dativivi

 

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