Stimmen aus dem Jenseits

Haben Sie ein Fotoalbum?

Klar haben Sie ein Fotoalbum. Wenn Sie so alt sind wie ich oder älter, haben Sie bestimmt sogar noch Alben in die man die Fotos eingeklebt hat. Ja so ganz echte Fotos hat man früher entwickeln lassen und dann aus der Drogerie heimgetragen wie einen kostbaren Schatz. Zuhause hat man dann die Papiertüte mit dem Klebestreifen aufgefriemelt und den Packen Fotos schwer in den Händen gehalten. Jedes Foto eine Kostbarkeit, eine Erinnerung an vergangene Momente.

Heutzutage sammeln wir die Fotos digital auf Festplatten oder anderen Speichermedien.
Wir sammeln auch Videos und mal ganz ehrlich….wir sammeln die meisten von ihnen und haben furchtbar Angst davor die Besten zu verlieren und machen doch nur ganz, ganz selten ganze Filme aus den Videos. Viel zu lange liegen sie auf unserem Computer und stehlen uns den Speicherplatz.

 

Aber: Haben Sie auch ein Stimmenalbum?

Ein BITTEWAS? Als ich ein klitzekleines Kind war, hat meine Omi die Stimmen von mir und meinem Bruder aufgenommen, wenn wir gespielt haben. Noch mit zwanzig Jahren hielt ich die Kassette davon in den Händen und fragte mich, ob das nicht etwas zuviel des Guten wäre. Ich war kurz davor sie weg zu werfen. Im Zuge meines Phonetikstudiums übte ich mich aber gerade am Digitialisieren und so wurde die Kassette eine CD, die ich meiner Mutter zum Geburtstag schenkte. Eine CD mit den Kinderstimmen von uns, von ihren Kindern. Letzte Woche, schickte mir meine Mutter ein paar dieser Aufnahmen via Whatsapp/ Threema. Auf meinem Telefon konnte ich meinen Kindern meine eigene Stimme zeigen, als ich so klein war wie sie jetzt.

Es war der akustische Wahnsinn. Meine Tochter klingt genau wie ich und mein Sohn wie mein Bruder. (Noch viel wahnsinniger ist, dass mein Sohn auch aussieht wie mein Bruder….) Meine Kinder konnten es nicht glauben und lachten sich halb krumm. Die größte Überraschung für mich aber war die Stimme meiner Omi zu hören. Auch sie war natürlich mit von der Partie. Wie sie gesungen hat, wie sie mit uns redetet, wie sie unserer Streits schlichtetet….ich war so überrascht und es bewegte mich so sehr, dass ich kaum atmen konnte. Und was war ich froh und dankbar, dass sie damals dachte, dass wir uns später darüber freuen würden.

Das Phänomen der akustischen Erinnerung kennen wir aus der Musik und von Liedern. Es gibt Lieder, die wir hören und die uns in längst vergangene Zeiten zurückkehren lassen. Wir spüren, was wir spürten, als die Musik in den Hitparaden lief. Wir fühlen Liebeskummer, Freude, Trauer, wir spüren unsere Pubertät wiederkehren und die Traurigkeit über den verstorbenen Hund. Wir erinnern uns an Menschen mit denen wir das Lied gehört haben. Später werden solche Lieder als „unsere Lieder“ bezeichnet und an Hochzeiten gespielt…..viel später dann auch auf Beerdigungen….

Akustische Momente sind ebenso flüchtig wie visuelle. Wir fotografieren mit unseren Telefonen und Kameras und sammeln wie die Wahnsinnigen. Ich werde ab jetzt auch Aufnahmen sammeln und ich nehme mir vor, diese ebenso zu hüten wie unsere Fotos. Damit sich meine Enkel später freuen. Wenn sie ihren Kindern meine Omi-Stimme vorspielen.

 

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