Heimat

Ein Plädoyer für Schiena……

Was das Thema korrekte Aussprache angeht, sind wir ja alle Profis. Oder? Also wenn hier jemand sagt (bedenkt ich komme aus Frankfurt/Hessen) : „Ey mein Auddo is viel größä als wie deins!“ Dann kommt ziemlich schnell aus irgendeiner dunklen Ecke ein gellender „des heißt ALS du Depp!“- Schrei
Kürzlich saß ich in einem urigen frankfoddä Stübbsche (Frankfurter Stübchen) und wurde Ohrenzeuge eines faszinierenden Gesprächs zwischen zwei Ureinwohnern.
„Hiä der Kalli, ne? Weißte wen isch mein? Na, hiä der Käll von de Uschi.“
(Hier, der Kalli, ne? Weißt du wen ich meine? Na, hier, der Kerl von der Uschi)
„ Ah ja loggo, eeeeebe schnaggelts.“
(Ach ja klar, ich verstehe.)
„ Weißte wo dem sei Frau hi is?“
(Weißt du wohin seine Frau gegangen ist?“)
„Neeeeee ei sache mo!“
(Nein! Ja, sag‘ doch einmal!)
„Nach Schiehna!“
(Nach China!)
„Schiehna? Des is aber weit….“
(China? Oh das ist aber weit.)
„Ei sach isch doch. Net nur weit…..Teier isses aaaaa!“
(Ja sage ich doch. Nicht nur weit…..teuer ist es auch!)
„Hiä in Münnsche, da saaache se Kiiiiiihna! Schlimm Schlimm. Pfft….Kiiihna…..also des weiß ja jetzt jedä Schlabbesebbel des des Schiehna heißt.“
(Hier, in München, da sagen sie Kihna! Schlimm Schlimm. Pfft…..KIiiina, also das weiß ja jetzt jeder Dummkopf, dass das China heißt.“)

Ich liebe solche Dialoge. Ich liebe sie, zum Einen weil ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich bin ein Frankfurter Mädsche und dieser Dialekt ist meine Heimat. Ich liebe solche Dialoge, weil man denken könnte dass ja weder die eine, noch die andere Variante richtig ist. Das stimmt so aber nicht. Die Varianten ,Kiehna‘ und ,Schiena‘ sind für den hochsprachlichen Gebrauch nicht korrekt, ABER davon redet hier ja auch keiner.

Wenn dialektale Sprecher sprechen, gibt es kein richtig und falsch. Ob etwas korrekt oder nicht korrekt ausgesprochen wird hängt maßgeblich von der Ausgangssprache ab. Wenn diese Hessisch bzw. der hessische Dialekt ist, dann ist ,Schiehna‘ genauso richtig wie ,China‘. (China, gesprochen mit einem ,ch‘ wie in ,ich‘ ist in jedem Fall korrekt.) Eben einfach, weil der Maßstab ein Dialekt ist. Ist die Ausgangssprache Baierisch, dann stimmt ,Kiehna‘.

Auch wenn beide Lautungen nicht zu empfehlen sind, vertrete ich die Ansicht, dass es in Dialekten kaum ein Richtig und Falsch gibt.

Dialekte sind eigenständige Sprachvarianten und markieren Regionen und soziale Zusammengehörigkeiten. Häufig haben sie sogar eine eigene grammatikalische Struktur. Wir Hessen sagen ganz gerne mal: „Dem Peter sei Muddi.“ (Peters Mutter) und haben uns damit als Opfer von Bastian Sicks „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod.“ schön weit aus dem Fenster gelehnt.

Wie zusammenschweißend und schön ein Dialekt sein kann zeigte uns Baden Württemberg. Das Bundesland hatte vor ein paar Jahren einmal einen wunderbaren Slogan „Wir können alles – außer Hochdeutsch!“

Ich bin ein großer Freund von Dialekten, Regiolekten, Soziolekten. Nicht jeder davon gefällt mir. Ich finde es ebenso wichtig, dass wir alle wissen, wie die hochdeutsche Lautung ist. Das finde ich unabdinglich in Schulen und Kindergärten und bin irritiert, dass dies bisher nicht Bestandteil der Ausbildung ist. Jeder Mensch sollte dialektfrei sprechen können. Das ist unter anderem mein Job und ich bin dabei sehr gerne behilflich. Denn ebenso wie ein Dialekt eine Gemeinsamkeit hervorhebt, grenzt es Menschen aus, die diesen Dialekt entweder nicht verstehen oder aber nicht sprechen. Wenn man also öffentlich spricht oder vor einer bestimmten Anzahl an Menschen, dann hat ein Dialekt keinen Platz. Dann ist es unabdinglich die hochdeutsche Aussprache zu wählen. Das sollte selbstverständlich sein und es gehört zum respektvollen Umgang miteinander.

Aber die Vorstellung, dass alle Menschen jederzeit, auch im Privaten, gleich sprechen, finde ich unerträglich langweilig.

Also:
JEDEM SEI DIALEKT UND JEDEM SEI EISCHENE AUSSPRAAACH!

(Ich sollte vielleicht anmerken, dass ich extra für mein Studium Hessisch lernen musste. Ich bin hochdeutsch erzogen worden, weder meine Mutter noch mein Vater kommen aus Hessen. Aber ich war die einzige gebürtige Frankfurterin in meinem Semester und ich finde isch hab misch guuuuud gehalde!)

 

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